Nachruf

Zum Tod von Horst-Eberhard Richter

 

Am 19.12.2011 ist Horst Eberhard Richter nach einer kurzen Krankheit im Kreis seiner Familie in Gießen im Alter von 88 Jahren gestorben. Die deutsche Psychoanalyse, die Friedensbewegungs und die intellektuelle und mediale Öffentlichkeit verliert mit ihm eine der bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegszeit.

Kurz einige Stationen seines Lebens, die er selbst in seinem Buch „Die Chance des Gewissens“ 1986 eindrücklich beschrieben hat.

Horst Eberhard Richter wurde am 28.April 1923 in Berlin geboren. Seine Familienstruktur charakterisierte er, bezugnehmend auf sein Buch „Patient Familie“, als Typ der angstneurotischen Familie (S.18). Seinen Vater erlebte er offenbar als „stillen in sich gekehrten Grübler“; die Mutter oft als zu anklammernd, die ihn, als Einzelkind, mit ihren Wünschen unter Druck setzte. Mit 18 Jahren wurden er – nach Hitlerjugend und Arbeitsdienst – zum Militär eingezogen und mit einem Artillerieregiment an die russische Front geschickt. Eine schwere Diphterie und Polyneuritis mag ihm das Leben gerettet haben: Er entging Stalingrad. Erst nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr er, dass seine Eltern, zwei Monate nach Kriegsende, von betrunkenen, russischen Soldaten ermordet worden waren.

Er studierte Medizin, Philosophie und Psychologie in Berlin und promovierte 1948 zum Dr. phil.; 1957 zum Dr. med. – Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar ist, dass er seine psychoanalytische Ausbildung in nur vier Jahren absolvierte (1950-54) und schon fünf Jahre später zum Leiter des Berliner Psychoanalytischen Instituts wurde. Als 41-jähriger wurde er 1964 Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung. 1963 übernahm er für drei Jahrzehnte den Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin in Gießen. 1981 war er einer der Initiatoren der westdeutschen Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW), die 1985 den Friedensnobelpreis erhielt. Bis zu seinem Tode engagierte er sich in der Friedenbewegung und mischte sich aktiv in aktuelle Diskurse ein, zuletzt zur Finanzkrise.

Horst Eberhard Richter hinterlässt ein beeindruckendes wissenschaftliches Werk. Vor allem seine Habilitationsschrift „Eltern, Kind und Neurose“ hatte eine nachhaltige Wirkung. H.-E. Richter beschrieb darin als einer der ersten, wie ungelöste Konflikte der Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden, Erkenntnisse, die heute zum Populärwissen geworden, damals aber revolutionär waren. Später folgten „Patient Familie“ oder - während der Zeit der Studentenbewegung (1971) – „Die Gruppe“. Das Engagement im Gießener Obdachlosengebiet „Eulenkopf“ beschrieb er in späteren Büchern „Lernziel Solidarität“ (1974), „Flüchten oder Standhalten“(1976) und „Engagierte Analysen“ (1978) und prägte eine ganze Generation von Studierenden in den 1970iger Jahren entscheidend. Ebenfalls prägend war sein Engagement für die Psychiatrie Enquête, die Friedensbewegung und für die IPPNW. Immer wieder verband Richter die Reflexion seiner Erfahrungen  mit politischen Gruppen und Initiativen (z.B. mit attac) mit psychoanalytischen und philosophischen Überlegungen.  Daher spricht uns Hans-Jürgen Wirth aus dem Herzen, wenn er in seiner Laudatio zu Ihrer Ehrenmitgliedschaft in der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung schreibt: “Unsere psychoanalytische Community wäre ohne den „politischen Psychoanalytiker“ Richter ärmer. Seine Bücher und Ideen haben unsere Sensibilität für die Bedeutung sozialer und politischer Probleme bei der Bewältigung unserer unbewussten Konflikte geschärft und deutlich gemacht, dass die Psychoanalyse nicht in einem gesellschaftsfreien Raum existiert. Und zugleich ermutigt und motiviert sein konstruktives politisches Engagement viele Menschen – außerhalb und innerhalb der Psychoanalyse –, eigene Initiativen zu ergreifen, um sich in die gesellschaftlichen Konflikte einzumischen“ (S.6/7).

Aufgrund seines wissenschaftlichen und kulturkritischen Engagements war er 1992 die geeignete Persönlichkeit, um die Tradition von Alexander und Margarete Mitscherlich am Sigmund Freud Institut wiederzubeleben und weiterzuführen. Während 10 Jahren führte er das SFI während einer schwierigen Übergangszeit. Dort lernte ich ihn während unserer einjährigen gemeinsamen Leitung des Instituts als fundierten Kenner von Gruppenprozessen und Institutionen, aber auch als charismatische Persönlichkeit kennen, die eine große Faszination vor allem auf junge Menschen ausübte.

Das Sigmund-Freud-Institut hat ihm viel zu verdanken. Wir trauern um ihn.

Frankfurt, 20.12.2011
Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber
 

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