Projekttitel: ERSTE SCHRITTE - Ein Integrationsprojekt für Kleinkinder mit Migrationshintergrund
Akronym: Erste Schritte
Projektbeschreibung
Die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund ist bekanntlich zu einer der vordringendsten gesellschaftlichen Aufgaben geworden. Migrantenkinder sind in unseren Bildungsinstitutionen besonders benachteiligt. Mittlerweile erhält nur noch jeder Vierte von ihnen einen Ausbildungsplatz – mit sinkender Tendenz.
Die öffentliche Diskussion darüber führte u.a. zu der Integrationskursverordnung vom 13.12.2004, wonach Integrationskurse für MigrantInnen, die erst seit kurzem in Deutschland wohnen, verpflichtend sind. Unser Projekt „Erste Schritte“ setzt bei diesen Integrationskursen an. Nach den Daten der Vorstudien aus Frankfurt a.M. haben 2/3 der teilnehmenden Frauen Kinder unter 3 Jahren. 1/3 der Frauen werden während der 2jährigen Kurszeit schwanger. In dieser Phase der bevorstehenden oder jungen Elternschaft sind Mütter und auch Väter, die sonst kaum Interesse an einer Integration in die deutsche Gesellschaft haben, offen für Maßnahmen, die ihren Kindern nutzen könnten. Unser Projekt baut auf diesem frühen intrinsischen Interesse auf. Dabei nutzt es die Einbindung der Mütter in die Integrationskurse als verbindliche und Kontinuität schaffende Struktur. Ziel ist, die jungen Mütter (und Väter) darin zu unterstützen, sich nicht mit ihren Babys und Kleinkindern in Parallelgesellschaften zurückzuziehen. Auch die Gruppenangebote sind so gestaltet, dass sie dem sozialen Rückzug nachhaltig entgegen wirken. Sie sind auf die spezifischen Bedürfnisse von Müttern/Vätern mit Kleinkindern abgestimmt. Sie beginnen mit der Kontaktaufnahme durch ProjektmitarbeiterInnen während der Schwangerschaft. In den folgenden drei Jahren werden dann die Babys, bzw. Kleinkinder und ihre Familien, dem Entwicklungsstand entsprechend, in Gruppen betreut, begleitet und gefördert. Für notwendige Vermittlungen ins soziale Netz (Geburtsvorbereitung, Säuglingspflege etc.) stehen Kulturlotsen, bzw. KulturmittlerInnen zur Verfügung. Die Gruppentreffen selber finden in den Räumen der Kursanbieter statt und sollen die Eltern befähigen ihren Kindern zu optimaler psychischer und physischer Entwicklung zu verhelfen. Die Konzepte der „Elternschule“ basieren auf psychoanalytischer Entwicklungstheorie. Sie sind als Curricula strukturiert und deshalb gut übertragbar auf andere Standorte. Die GruppenleiterInnen werden auf der Basis dieser Curricula geschult. Zusätzliche Supervisionen der praktischen Tätigkeit sichern eine kontinuierliche Reflektion der Umsetzung und eine optimale Vermittlung der Schulung.
Das Projekt ist als wissenschaftliche Studie konzeptualisiert, da sein Erfolg im Sinne eines Modellprojekts wissenschaftlich fundiert evaluiert werden soll, um auch auf andere Standorte übertragen werden zu können. Es ist auf vier Jahre angelegt, um allen teilnehmenden Kindern die Betreuung bis zum Kindergarteneintritt zu ermöglichen.
Hintergrund des Projekts Erste Schritte
Für die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund in die deutsche Gesellschaft gibt es zahlreiche Modelle und Projekte, die meist beim Erlernen der deutschen Sprache ansetzen. Systematische Integrationsprojekte, die die Optimierung der ersten Umwelt- und Beziehungserfahrungen von Kleinkindern mit Migrationshintergrund zum Ziel haben, gibt es in Deutschland dagegen bisher kaum. Neurobiologische, epigenetische und Forschungsergebnisse der empirischen, psychoanalytischen Säuglings- und Bindungsforschung stimmen darin überein, dass die ersten Umwelt- und Beziehungserfahrungen einen entscheidenden Einfluss auf seine spätere kognitive, affektive, sprachliche und soziale Entwicklung ausüben. So sind Kleinkinder, die in einem positiven und emotional sicheren Umfeld aufwachsen, kreativer, zeigen weniger destruktive Aggressivität und entwickeln sich sprachlich und sozial besser. Sie können im Kindergartenalter kreativer Probleme lösen, sind weniger häufig in aggressiv-destruktive Konflikte verwickelt, zeigen größere Neugier und ein ausgeprägteres Interesse an ihrer Umwelt. Durch empathische, zuverlässige Beziehungserfahrungen entwickeln Kinder im ersten Lebensjahr eine sichere Bindung. Langzeitstudien zeigen, dass diese Kinder schon im Kindergartenalter über bessere kognitiv-affektive und soziale Kompetenzen verfügen. Instabile, belastende und einengende frühe Beziehungserfahrungen führen hingegen zu problematischen Bindungstypen (unsicher vermeidend, unsicher ambivalent oder desorganisiert). Diese Kinder haben das basale Vertrauen in die Welt verloren. Ihre Neugier, ihr Explorations- und Lernverhalten sind eingeschränkt. Sie zeigen häufiger inadäquate Angst und Aggression und sind weniger gut in soziale Gruppen integriert.
Es ist daher davon auszugehen, dass Hilfestellungen, die bei frühen Beziehungserfahrungen ansetzen, die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund nachhaltig verbessern.
In zahlreichen Studien hat sich gezeigt, dass die Empathie – das Einfühlungsvermögen - der Eltern bei der Entwicklung der Bindung die wichtigste Variable darstellt. Empathie ist eine Fähigkeit, die bei den meisten Eltern vorhanden ist, sich allerdings als störanfällig erweist: Krankheiten, Stress, aber auch das Gefühl des Alleingelassenseins und der Isolation, wie es im Zusammenhang mit Migration oft auftritt, können diese Fähigkeit beeinträchtigen. Migration kann eine belastende Erfahrung sein, besonders im verletzlichen Zustand kurz nach einer Geburt, auch weil eine unterstützende Umgebung, z.B. der Eltern aus dem Herkunftsland für die junge Familie oftmals fehlt. Die Gefahr eines depressiven Rückzugs ist daher in dieser Situation recht groß.
Daher gehört es zu den Zielen des Projektes, die Empathie der Eltern mit Migrationshintergrund systematisch zu stützen und zu fördern. Dabei wird besonderes Gewicht darauf gelegt, mögliche Loyalitäts- und Identitätskonflikte zwischen Urspungskultur und Gastland zu berücksichtigen.
Ziele des Projekts und Fragestellungen
Die kurz- und langfristigen Wirkungen des psychoanalytisch orientierten Frühpräventionsangebots vom Zeitpunkt der Schwangerschaft bis zum Eintritt in den Kindergarten werden empirisch sorgfältig untersucht.
In welcher Weise und wie nachhaltig profitieren Babys, Kleinkinder und ihre Eltern von unserem professionellen Angebot? Bewirkt das Projekt, dass die Mütter - im Vergleich zu einer Kontrollgruppe - häufiger die Integrationskurse zu einem erfolgreichen Abschluss bringen und erfolgreicher nach der Mutterschaftspause eine Arbeit finden? Verbessert das Projekt die kognitive, affektive, sprachliche und soziale Entwicklung der Kinder?
Forschungsdesign / Untersuchungsmethoden
Um die kurzfristigen und nachhaltigen Wirkungen des Frühpräventionsangebots empirisch zu überprüfen, werden Integrationskurse in den beiden beteiligten Institutionen in einem cluster – randomized Design zufällig der Interventions- bzw. Kontrollgruppe zugeordnet. Aufgrund der Poweranalyse sind Stichprobengrößen von jeweils n = 100 geplant.
Es wird ein multiperspektivisches methodisches Vorgehen gewählt. Bei der Wahl der Untersuchungsinstrumente werden Erfahrungen aus verschiedenen Frühpräventionsprojekten aus den USA, England, Australien und Deutschland berücksichtigt. Die definitive Festlegung der Instrumente für die Anfangsmessung erfolgt spätestens im Oktober 2010.
Meilensteine im laufenden Jahr
Mit der Kontaktaufnahme zu den Frauen und deren Familien in den Integrationskursen beginnen wir im Herbst 2010. Die Phase der Angebote für Eltern und Kinder mit der wissenschaftlichen Begleitforschung zu mehreren Messzeitpunkten schließt sich daran an.
Ansprechpartner/-innen
Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber
Sekretariat: Renate Stebahne
Telefon 069 798-25509
E-Mail m.leuzinger-bohleber
@sigmund-freud-institut.de
Kontakt
ErsteSchritte
@idea-frankfurt.eu
Kooperation
Informationen dazu finden Sie
-> hier.
Staatssekretär Dr. Kriszeleit übergibt Förderbescheid an das Sigmund-Freud-Institut für das Modellprojekt „Erste Schritte – Ein Integrationsprojekt für Kleinkinder mit Migrationshintergrund“
Pressemitteilung HMdJ, 25.6.2010 (PDF)
Projektverantwortliche / Mitarbeiterinnen
Dazu näheres -> hier.
Gefördert durch:




