Frankfurter Präventionsstudie

Ausführliche Projektbeschreibung

Ausgangslage und Aufgabenstellung

Trauma und soziale Gewalt bei Heranwachsenden beschränken sich leider schon längst nicht mehr auf gesellschaftliche Krisengebiete. Auch in vielen Schulen und Kindergärten bei uns ist der Umgang mit Aggression und Gewalt zu einem schwerwiegenden Problem geworden.

Die Frage, ob dies einer Zunahme der Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft oder einer veränderten Wahrnehmung solcher Phänomene zuzuschreiben ist, lässt sich nicht leicht beantworten, doch muss bei der Suche nach möglichen Ursachen ein komplexes Ineinanderwirken von gesellschaftlichen, institutionellen, familiären, entwicklungspsychologischen und biologischen Faktoren angenommen werden.

Untersuchungen von sogenannten "high-risk-families" haben gezeigt, dass chronische Erfahrungen von Gewalt und Verwahrlosung (z.B. gewalttätige Väter, Missbrauchserfahrungen, Zeugenschaft häuslicher Gewaltszenen etc.) zu einer asozialen Entwicklung bei den Heranwachsenden führen, was einmal mehr auf die Bedeutung früher Sozialisationsfaktoren verweist. Allerdings verdient gleichzeitig die beunruhigende Beobachtung von Lehrern und Erziehern unsere Aufmerksamkeit, dass die Entwicklung von Gewaltbereitschaft und -handlungen nicht mehr auf Kinder aus diesen high-risk Milieus beschränkt werden kann, sondern in beunruhigender Weise auch bei Kindern aus sogenannten „normalen Verhältnissen“  bzw. bei anderen „Risikogruppen“ (z.B. bei Scheidungskindern, Kindern aus multikulturellen Familien etc.) zu beobachten sind.

Eine weitere irritierende Beobachtung von Praktikern ist, dass immer jüngere Kinder bereit scheinen, ihre Konflikte gewaltsam auszutragen und sich dabei gegenseitig ernsthaft zu verletzen. Dies ist auch deshalb alarmierend, weil verschiedene Studien, vor allem aus dem Bereich der empirischen Bindungsforschung, darauf hingewiesen haben, dass die Wahrscheinlichkeit antisoziales Verhalten beizubehalten, um so größer ist, je jünger die Kinder sind, bei denen Verhaltensauffälligkeiten auftreten.
 

Ziel des Projekts

Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, Kindern möglichst früh Gewaltpräventionen anzubieten. Zudem haben die PISA-Studien gezeigt, dass die Integration von Benachteiligten oder von Kindern anderer Kulturen in Deutschland weit weniger gut gelingt, als viele von uns bisher angenommen haben.

Frühe Gewaltprävention, soziales Lernen sowie die Förderung der sozialer Integration von Kindern aus Randgruppen gehörten zu den Zielen der Frankfurter Präventionsstudie, die das Sigmund-Freud-Institut in Kooperation mit dem Institut für Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie und dem Städtischen Schulamt von 2003–2006 in 14 Frankfurter Kindertagesstätten durchgeführt hat.
 

Vorgehen und Methoden

Um eine repräsentative Stichprobe von n= 500 Kindern und eine ebenso große Vergleichsstichprobe von n= 500 Kindern aus je 14 Städtischen Kindertagesstätten ziehen zu können, wurde im Herbst 2003 eine Basiserhebung in allen Städtischen Kindertagesstätten durchgeführt (n= rund 5.000 Kinder, 114 Einrichtungen).

In der Studie wurde die Hypothese überprüft, ob durch ein zweijähriges, psychoanalytisches (nicht medikamentöses) Präventions- und Interventionsprogramm die Anzahl der Kinder mit psychosozialen Integrationsstörungen (insbesondere mit „ADHS“) im ersten Schuljahr statistisch signifikant gesenkt werden kann.

Wir finden es alarmierend, dass in Deutschland schätzungsweise 150.000 Kindergarten- und Grundschulkinder  mit der Diagnose ADHS regelmäßig Psychostimulanzien wie Ritalin einnehmen, oft ohne vorherige adäquate kinderpsychiatrische oder kinderärztliche Untersuchung. Obschon eine medikamentöse Behandlung – nach sorgfältiger ärztlicher und psychologischer Untersuchung – in Einzelfällen angezeigt sein mag, stimmt die rasante Zunahme der Medikamentenvergabe (Zuwachs ums 270-fache in den letzten 10 Jahren) nachdenklich.

So hat sich in der Studie gezeigt, dass sich sehr verschiedene Probleme und Kinderschicksale hinter der Diagnose „ADHS“ verbergen können: hirnorganische Probleme, emotionale Frühverwahrlosungen, erlittene Traumatisierungen der Kinder oder ihrer Eltern, nicht verarbeitete Verluste eines Elternteils, eine Hochbegabung oder kulturelle bzw. institutionelle Anpassungsprobleme. Mit der hoch wirksamen Vergabe von z.B. Ritalin verschwinden die unterschiedlichen Hintergründe dieser Störung aus dem Blickfeld und werden dann, obwohl dies indiziert wäre, auch nicht angemessen psychotherapeutisch behandelt. Zudem sind die langfristigen Auswirkungen einer medikamentösen Behandlung über die bekannten Nebenwirkungen (Appetitmangel, Schlafstörung) hinaus bis heute kaum bekannt. Mahnende Stimmen warnen vor möglichen Spätfolgen des frühen chemischen Eingriffs in das sich entwickelnde Gehirn. Bedenkenswert erscheint uns dabei auch das Risiko einer psychischen „Nebenwirkung“: Bei Kindern, die täglich die Erfahrung machen, dass sie nur mit Hilfe eines Medikaments für ihre Umwelt erträglich sind, können die ohnehin schwachen Fähigkeiten, sich selbst zu regulieren, eine systematische weitere Schwächung erfahren.

Im Frühling 2004 begannen wir mit der Durchführung des Präventions- und Interventionsprogramms in den 14 zufällig ausgewählten Kindertagesstätten. Es bestand aus verschiedenen Bausteinen: vierzehntäglichen Supervisionen durch erfahrene Supervisorinnen und Supervisoren, wöchentlichen psychoanalytisch-pädagogischen Angeboten durch MitarbeiterInnen der Studie, intensiver Elternarbeit sowie psychoanalytischen Einzeltherapien für therapiebedürftige Kinder. Zudem wurde das Gewaltpräventionsprogramm FAUSTLOS in allen Kindertagesstätten durchgeführt. Falls notwendig wurde mit dem Sozial- und Jugendamt sowie der Waisenhausstiftung zusammengearbeitet.

Unsere Haupthypothese konnte durch einen Gruppenvergleich bestätigt werden. Die Aggressivität (gemessen mit der Unterskala: Sowohl „Aggressivität“ als auch „Ängstlichkeit“ (definiert nach dem Döpfner Fragebogens, VBV) nehmen bei den Kindern der Interventionsgruppe statistisch signifikant ab. Erstaunlicherweise konnte hingegen bei der Dimension „Hyperaktivität“ nur ein statistisch signifikanter Rückgang bei den Mädchen der Interventionsgruppe verglichen mit der Kontrollgruppe festgestellt werden.

Diese Ergebnisse sind insofern erstaunlich, als es sich bei unserer Präventionsstudie um eine Feldstudie und nicht um eine “Laborstudie” handelt, d.h. eine Studie, bei der mit vielen intervenierenden Variablen zu rechnen ist. Dass sich dennoch statistisch nachweisen lässt, dass sich die Kinder der Interventionsgruppe bezüglich ihres aggressiven, ängstlichen und (bei Mädchen) des „hyperaktiven“ Verhaltens  signifikant von jenen der Kontrollgruppe unterscheiden, zeigt, dass das nicht-medikamentöse, psychoanalytisch-pädagogische Präventionsprogramm die soziale Integration verbessern kann.

Erwähnenswert ist, dass keines der 390 Kindergartenkinder, die sich in unserem Zeitfenster der Interventionsgruppe befanden, Ritalin oder ein anderes Amphetamin einnahm, was für eine Sorgfalt in der Verschreibung dieser hoch wirksamen Medikamente an Vorschulkindern durch Frankfurter Kinderärzte spricht. Obwohl wie z.B. in Schweden und Italien auch bei uns in Deutschland die Vergabe von Ritalin an Kinder unter 6 Jahren nicht zulässig ist, lässt sich in manchen Regionen beobachten, dass immer jüngere Kinder mit aggressiven und hyperaktiven Problemen medikamentös behandelt werden, oft ohne die erforderliche, genaue medizinische und psychologische Abklärung.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass alle Teams (mit einer Ausnahme) sich im Sommer 2006 eine Fortsetzung der psychoanalytischen Supervisionen wünschten, die meisten auch eine Fortsetzung der wöchentlichen Unterstützung durch die speziell geschulten Psychologinnen und Psychologen in den Kindertagesstätten.

Eine offene Frage unseres Projektes war, ob es uns gelingen wird, Kindergartenkinder aus bildungsfernen Schichten, die dringend psychotherapeutische Hilfe benötigen, aber kaum die Schwelle zum niedergelassenen Therapeuten oder einer Ambulanz finden, durch unser Angebot zu erreichen. Inzwischen ist es gelungen, bei 17 solcher Kinder eine Therapie einzuleiten. Bei 8 weiteren Kindern waren die Eltern nicht bereit, therapeutische Hilfe anzunehmen. Nach den Werten des Döpfner Fragebogens für Erzieher und Eltern, des Conners-Wells-Fragebogen für Eltern und Lehrer und den beiden Child Behaviour Check Lists (CBC) für Eltern und Lehrer sowie zwei weiteren unabhängigen Beobachtern zeigen die meisten dieser Kinder hyperaktive Störungen nach ICD-10. Die Wirksamkeit der analytischen Psychotherapien wird z.Zt. in einer Folgestudie noch eingehender untersucht.
 

Stand des Projekts

(Oktober 2008)

Die Hautstudie konnte 2006 abgeschlossen werden, doch finden noch jährliche weitere Messungen statt. Zudem sind noch einige Detailauswertungen der Daten (im Rahmen von Promotionen) in Arbeit.

Erfreulicherweise ist es dank der Unterstützung durch die Polytechnische Gesellschaft und die Zinkann Stiftung und der Crespo Foundation gelungen, das Projekt 2007/08 fortzusetzen (vgl. Projekt STARTHILFE).

Zudem wird die Wirksamkeit der analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapien im Rahmen einer weiteren Untersuchung überprüft (vgl. Projekt Therapiewirksamkeitsstudie).

Schließlich ist es gelungen, im Rahmen der Hessischen Exzellenzinitiative LOEWE im Projekt IDeA die Ergebnisse der Präventionsstudie nochmals eingehend zu überprüfen.
 

Ansprechpartner/-innen

Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber
Sekretariat: Renate Stebahne
Telefon 069 971204-149
E-Mail leuzinger-bohleber
@sigmund-freud-institut.de

Dr. phil., Dipl. Soz. Katrin Luise Läzer
E-Mail laezer
@sigmund-freud-institut.de

Telefax 069 971204-150
 
 

Projektdaten

Informationen zu Laufzeit, Beteiligten und Förderung etc. sowie die Ansprechpartner finden Sie -> hier.

Kooperationspartner

des Sigmund-Freund-Instituts bei diesem Projekt: -> hier.

Publikationen

die im Rahmen diese Forschungsprojekts veröffentlicht wurden, finden Sie -> hier.