Stand der Forschung am Sigmund-Freud-Institut

Die Forschungsfelder



In allen Forschungsprojekten versucht das SFI die einzigartige Tradition des Hauses aufzunehmen und mit aktuellen Anforderungen an ein international und interdisziplinär ausgerichtetes, psychoanalytisches Forschungsinstitut zu verbinden.
Das Institut kann in allen fünf Forschungsfeldern eine gute Projektentwicklung ausweisen. Die lang laufenden Projekte werden erfolgreich weitergeführt, und Projekte, die das Forschungsprogramm ergänzen, konnten akquiriert werden. Die Vernetzung mit anderen Forschungsgruppen, disziplinär und interdisziplinär, nimmt weiter zu. Es sind tragfähige Arbeitsroutinen entstanden, wie die detaillierten Informationen zu den einzelnen Projekten zeigen (vgl. unten).

Übersicht über den Stand der Forschung

Forschungsfeld 1: „Medizinalisierung und Medikalisierung psychischer und psychosozialer Probleme“

Nach wie vor konzentrieren sich viele Aktivitäten in Forschung und Praxis um Fragen der Prävention, wobei sich die Parallelführung von thematisch verwandten klinisch-therapeutischen und sozialpsychologischen Projekten bewährt hat. Ausgehend von Projekten, die der Aufmerksamkeits-und/oder Hyperaktivitätsstörung von Kindern gelten, ist das Altersspektrum riskanter sozialer Integrationsverläufe weiter geworden und reicht von der frühen Kindheit bis in die Sekundarstufe. Die Relevanz der Projekte für eine kindgerechte Schulentwicklung ist besonders zu betonen und kommt in dem großen Interesse von Lehrerinnen und Lehrer an den Forschungsergebnissen zu Ausdruck.

Was die sozialpsychologischen Projekte betrifft, so findet das Leitprojekt „Ritalin im Alltag“ in zwei Anschlussprojekten seine Fortsetzung: Unter dem Titel „Kein Einverständnis ohne zu verstehen“ werden Kinder und ihre Familien von der ersten Diagnose ADHS an ein Jahr lang begleitet, um zu erfahren, wie sich die Betroffenen das Expertenurteil von Kinderärzten aneignen. Ziel ist die Entwicklung eines Gesprächsformats zur Aufklärung über ADHS, das die Kinder als gleich berechtigt achtet. Gleiches gilt für das Projekt „Trianguläre Gespräche im Kontext schulischer Beratungsprozesse“, das die kommunikativen Gelingensbedingungen für neue Beratungsformate untersucht, wie sie von Schulen etwa als „Lernbegleitgespräche“ entwickelt werden, in denen sich LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen  absprechen, was insbesondere im Falle von verhaltensauffälligen Kindern für alle Beteiligten eine große Herausforderung ist. 

Anschlussfähig ist auch das sozialpsychologische Hochbegabtenprojekt „Sozioemotionale …“, das fragt, wie Kinder ihre Diagnose, hochbegabt zu sein, in ihr Selbstbild integrieren und was die Schule dazu beitragen kann, die Risiken einer solchen positiven Stigmatisierung so gering wie möglich zu halten.

Im klinischen und Grundlagenbereich  ist der größte Erfolg, dass die drei Präventionsprojekte, EVA (Evaluation zweier Frühpräventionsprojekte im Rahmen des Forschungszentrums IDeA der Hessischen Exzellenzinitiative LOEWE, Mathematische Kreativität bei Kindern mit „schwierigen Kindheiten“ (MaKreKi) und „ERSTE SCHRITTE - ein Integrationsprojekt für Kleinkinder mit Migrationshintergrund“ erfolgreich durchgeführt werden. In allen diesen Projekten arebiten wir eng mit  dem Institut für Analytische Kinder- und Jugendlchenpsychotehrapie zusammen. In EVA wurden inzwischen rund 370 Kindern aus Risikofamilien mit dem aufwändigen Bindungsinstrument MCAST (Manchester Child Attachment Story Task) untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass im Gegensatz zu Normalpopulationen, in denen rund 70% aller Kinder den sicheren Bindungstyp aufweisen, in unserer Stichprobe  nur 35% der Kinder sicher gebunden sind. Ein weiterer alarmierender Befund ist, dass 23% der Kinder (im Gegensatz zu 3-5% der Kinder einer Normalpopulation) den desorganisierten Bindungstyp aufweisen, der, wie verschiedene Langzeitstudien nachgewiesen haben, auf sehr schlechte Entwicklungsprognosen hinweist. Daher ist das Präventionsprogramm und die Kinder- und Familientherapien, die in den Kindertagesstätten selbst von erfahrenen Therapeuten angeboten werden, dringend notwendig.
Im Projekt MaKreKi hat sich gezeigt, dass wir mathematisch hoch begabte Kinder in unserer Risikostichprobe finden. In Einzelfallstudien werden Risiko- und protektive Faktoren diskutiert, um diese Kinder und ihre Familien in ihrer weiteren Entwicklung bestmöglichst zu unterstützen. Das Projekt stößt auf große Aufmerksamkeit und wurde von Prof. Krummheuer u.a. in den USA und in Australien vorgestellt, was zu internationalen Kooperationen führte.

Erfreulicherweise konnte 2010 auch mit der Durchführung von ERSTE SCHRITTE begonnen werden, ein Modellprojekt, das von der Hertie Stiftung, dem BAMF, dem Land Hessen sowie weiteren Stiftungen getragen wird.  Das Projekt zielt auf eine frühe Unterstützung von Familien mit Migrationshintergrund um deren Integration zu fördern, bekanntlich ein dringendes gesellschaftliches Anliegen. Das Projekt wird trotz vieler Schwierigkeiten, vor allem mit den Familien aus muslimischen Kulturen, gut angenommen. Ausgesprochen hilfreich erweist sich die Begleitung des Projektes durch führende internationale Experten. So hat Robert N.Emde, einer der Verantwortlichen des größten Frühpräventionsprogramms in den USA, dem EARLY HEAD START Projekt, im Oktober 2010 uns in einem einwöchigen Workshop seine jahrzehntelange Erfahrung im Frühpräventionsbereich zur Verfügung gestellt. Auch Henri Parens, der jahrzehntelang mit Randgruppen in Philadelphia gearbeitet hat, berät das Projekt regelmäßig sowie Judith Trowell, ebenfalls Expertin in Frühprävention der Tavistock Clinic in London.

Erfreulicherweise ist schließlich, dass das Projekt STARTHILFE den 4. Durchgang planen kann, da die Stadt Frankfurt sich langfristig an der Finanzierung des Projektes beteiligt. Die Rückmeldungen der Erzieherinnen und Eltern sind sehr positiv. Sie erleben die wöchentliche Unterstützung ihrer Arbeit durch Stipendiaten in den Einrichtungen selbst sowie die vierzehntäglichen Supervisionen als ausgesprochen hilfreich.

Die Evaluation des Präventionsprojektes „Willkommenstage in der frühen Elternzeit“ wurde 2010 erfolgreich abgeschlossen. Ihre Ergebnisse sind in die Modifikationen der weiteren Durchführungen dieses Präventionsprojektes eingegangen.

Ebenfalls positiv ist, dass es gelungen ist, durch die Kooperation mit Prof. E. Merz, Nordwestkrankenhaus, das EU Projekt „Ethical Dilemmas due to Prenatal and Genetic Diagnostics“ für die Praxis nutzbar zu machen. In einem Liaisondienst werden Frauen, die nach einem positiven Befund der Pränataldiagnostik über Leben und Tod ihres Kindes zu entscheiden haben, eine psychoanalytische Krisenintervention angeboten, die, wie die Ergebnisse der EDIG Studie gezeigt haben, eine depressive Entwicklung der Frauen oft verhindern kann.


Forschungsfeld 2: „Psychoanalyse und Psychotherapie als professionelles Handeln und soziokulturelle Ressource“

Die LAC Depressionsstudie konnte weiter erfolgreich durchgeführt werden, obschon sich gezeigt hat, dass sich chronisch Depressive  ungern einer Randomisierung (einer zufälligen Zuteilung des Therapieverfahrens) unterziehen, wenn sie vor die Wahl gestellt werden, stattdessen die Therapierichtung zu wählen. Daher wird die Studie auch ein kritisches Licht auf den „Goldstandard der evidence based medicine“ werfen.  Bis Mitte 2011 wurden  in den verschiedenen Zentren der Studie fast 380 chronisch Depressive rekrutiert - die größte Stichprobe von Langzeitpsychotehrapiepatienten, weltweit. Daher stößt die Studie auf großes Interesse, ein Grund, warum 2010 eine große internationale Tagung für Oktober 2011 geplant wurde.

Zudem ist es gelungen, weitere Drittmittel zur Finanzierung der Studie einzuwerben, sowie sich in die politischen und gesellschaftlichen Diskurse zur Zunahme von Depressionen in unserer Gesellschaft einzubringen.

Die Studie an mehreren nationalen und internationalen Tagungen zur Diskussion gestellt, u.a. am Kongress der International Psychoanalytical Association in Mexico City,  August 2011. Im Herbst 2011 werden erste Ergebnisse der Studie an einer internationalen Tagung zur Diskussion gestellt.

Judith Lebiger Vogel hat 2010 ihre Promotion zum Projekt „Developing Psychoanalytic Pracice and Therapy“ (DPPT Projekt) mit summa cum laude abgeschlossen. Die Ergebnisse ihrer Studie  sind auf großes Interesse in der psychoanalytischen Fachwelt gestoßen und haben eine breite Diskussion zur psychoanalytischen Ausbildung u.a. in der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung initiiert. – Zwei weitere Kollegen werden ihre Promotionen zu diesem Projekt 2011 abschließen.

Die Aktivitäten von M. Leuzinger-Bohleber im Bereich der Psychoanalytischen Konzeptforschung haben sich 2010/2011 vertieft. Als Vice Chair des Research Boards der International Psychoanalytical Association (IPA) und als Mitglied der Projectgroup for Clinical Observation wurden mehrere internationale Workshops organisiert. Zudem hatte sie die Ehre an der Feier zum 100-jährigen Bestehen der IPA im März 2011 in London die Research Lecture zu halten, in dem die Konzeptforschung als zentraler Teil heutiger psychoanalytischer Forschung definiert wurde. Auch an den 100-Jahr Feiern der IPA in Peking im Oktober 2010 war sie mit einem Hauptvortrag beteiligt Am Beispiel der LAC Depressionsstudie wurde das Zusammenwirken von klinischer und extraklinischer Forschung in der Psychoanalyse erörtert.

Adelheid Staufenberg schloss 2010 erfolgreiche Promotion zum Projekt „Ergebnisse psychoanalytischer Behandlungen von Kindern mit hyperaktiven Störungen“ (nach ICD 10) ab. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden in die heißen Kontroversen um eine adäquate Behandlung von sogenannten ADHS Kindern produktiv eingebracht.

Die  Vergleichsstudie zu Ergebnissen von psychoanalytischen und verhaltenstherapeutisch/medikamentösen Behandlungen von hyperaktiven Kindern ist 2010 erfolgreich weitergeführt worden. Katrin Luise Laezer wird vermutlich 2011 ihre Habilitation basierend auf den Ergebnissen dieser Studie abschließen. Auch diese Studie wird in der Fachwelt sehr beachtet und häufig in den Medien diskutiert.

Forschungsfeld 3: „Psychoanalyse und Neurowissenschaften“

Das Sigmund-Freud-Institut war eingeladen, seine jahrelangen Arbeiten zum Dialog Neurowissenschaften-Psychoanalyse an einer internationalen Tagung, organisiert durch das Kulturwissenschaftliche Institut in Berlin, im Oktober 2010 vorzustellen. Zudem hat Dr. Tamara Fischmann einen Forschungsaufenthalt an diesem Institut wahrgenommen.

Zudem war das SFI an der Organisation des großen 12. internationalen Neuropsychoanalyse Kongresses „Minding the Body“ im Juni 2011 in Berlin beteiligt. M. Leuzinger-Bohleber hielt zusammen mit Rolf Pfeifer einer der Hauptvorträge, eine Gelegenheit die Arbeiten des SFI in diesem Bereich vor allem im Dialog mit der sogenannten Embodied Cognitive Science international nochmals bekannt zu machen.

Auch die FRED Studie wurde an dieser Tagung vorgestellt werden. Sie wurde 2010 an verschiedenen nationalen und internationalen Konferenzen präsentiert.

Das Projekt „Posttraumatic dreams and symbolisation“ wurde 2010 weiter erfolgreich durchgeführt. Erste Ergebnisse wurden am IPA Kongress in Mexico City 2011 vorgestellt.


Forschungsfeld 4: „Trauma, Gewalt und Antisemitismus“  

In diesem Forschungsfeld wurde in Kooperation mit der Yale University (Prof. Dr. Dori Laub) und der International Psychoanalytic Unviersity (IPU) (Prof. Dr. A. Hamburger) 2010 ein neues Projekt auf den Weg gebacht, das Interviews mit Überlebenden der Shoah in Psychiatrischen Kliniken in Israel durchführt und ihnen versucht, einen neuen Zugang zu ihrer extremtraumatisierten Lebensgeschichte zu ermöglichen. Ein Förderungsantrag wurde bei der Shoah Foundation in Paris eingebracht.

Die Aktivitäten im Projektverbund „Shoah“ wurden 2010 weiter entfaltet. Ziel ist es, zu einem dieser Projekte 2011 einen Drittmittelantrag zu stellen.

Das Projekt „Biographische Verarbeitungsformen traumatischer sozialer Umbrüche. Eine psychoanalytische und sinologische Untersuchung am Beispiel der sogenannten Kulturrevolution in China“ wurde 2010 erfolgreich abgeschlossen und publiziert. Die Vorträge zu diesem Projekt wurden ebenfalls viel beachtet und öffentlich diskutiert.

Auch die Aktivitäten im Projektverbund „Kriegskindheiten“ haben sich 2010/2011 fortgesetzt. Das SFI beteilgt sich weiterhin an den regelmäßigen Workshops und teilweise auch an Publikationen dieses großen internationalen Netzwerks.


Forschungsfeld 5: „Ökonomisierung des Sozialen und Psychischen“

Nach der breiten öffentlichen Resonanz auf die erste Erhebung, die zu einer Reihe von Einladungen von politischen Akteuren im Bereich von Arbeit und Gesundheit geführt hat, ist 2010 die zweite Erhebungswelle für das Jahr 2011 konzipiert worden. Wiederum wird eine qualitative Untersuchung mit einer quantitativen kombiniert. Neben Wiederholungsfragen gibt es zwei Foki, die differenzierter als in der ersten Erhebungswelle erfasst werden sollen: Gelingensbedingungen für „gute Arbeit“, was auf Professionalisierungsprozesse und De-Professionalisierungsprozesse zielt, sowie Gelingensbedingungen für eine „Selbstfürsorge“ am Arbeitsplatz, die vor einer Gefährdung der psychischen Gesundheit schützt.

 

Auf einen Blick

Eine Gesamtübersicht aller aktuellen Forschungsprojekte des Instituts finden Sie -> hier.