Forschung am Sigmund-Freud-Institut

Forschungsfeld 1

Medizinalisierung und Medikalisierung psychischer und psychosozialer Probleme


Nach wie vor konzentrieren sich viele Aktivitäten in Forschung und Praxis um Fragen der Prävention, wobei sich die Parallelführung von thematisch verwandten klinisch-therapeutischen und sozialpsychologischen Projekten bewährt hat. Ausgehend von Projekten, die der Aufmerksamkeits-und/oder Hyperaktivitätsstörung von Kindern gelten, ist das Altersspektrum riskanter sozialer Integrationsverläufe weiter geworden und reicht von der frühen Kindheit bis in die Sekundarstufe. Die Relevanz der Projekte für eine kindgerechte Schulentwicklung ist besonders zu betonen und kommt in dem großen Interesse von Lehrerinnen und Lehrer an den Forschungsergebnissen zu Ausdruck.

Was die sozialpsychologischen Projekte betrifft, so findet das Leitprojekt „Ritalin im Alltag“ in zwei Anschlussprojekten seine Fortsetzung: Unter dem Titel „Kein Einverständnis ohne zu verstehen“ werden Kinder und ihre Familien von der ersten Diagnose ADHS an ein Jahr lang begleitet, um zu erfahren, wie sich die Betroffenen das Expertenurteil von Kinderärzten aneignen. Ziel ist die Entwicklung eines Gesprächsformats zur Aufklärung über ADHS, das die Kinder als gleich berechtigt achtet. Gleiches gilt für das Projekt „Trianguläre Gespräche im Kontext schulischer Beratungsprozesse“, das die kommunikativen Gelingensbedingungen für neue Beratungsformate untersucht, wie sie von Schulen etwa als „Lernbegleitgespräche“ entwickelt werden, in denen sich LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen  absprechen, was insbesondere im Falle von verhaltensauffälligen Kindern für alle Beteiligten eine große Herausforderung ist.

Anschlussfähig ist auch das sozialpsychologische Hochbegabtenprojekt „Sozioemotionale …“, das fragt, wie Kinder ihre Diagnose, hochbegabt zu sein, in ihr Selbstbild integrieren und was die Schule dazu beitragen kann, die Risiken einer solchen positiven Stigmatisierung so gering wie möglich zu halten.

Im klinischen und Grundlagenbereich  ist der größte Erfolg, dass die drei Präventionsprojekte, EVA (Evaluation zweier Frühpräventionsprojekte im Rahmen des Forschungszentrums IDeA der Hessischen Exzellenzinitiative LOEWE, Mathematische Kreativität bei Kindern mit „schwierigen Kindheiten“ (MaKreKi) und „ERSTE SCHRITTE - ein Integrationsprojekt für Kleinkinder mit Migrationshintergrund“ erfolgreich durchgeführt werden. In allen diesen Projekten arebiten wir eng mit  dem Institut für Analytische Kinder- und Jugendlchenpsychotehrapie zusammen. In EVA wurden inzwischen rund 370 Kindern aus Risikofamilien mit dem aufwändigen Bindungsinstrument MCAST (Manchester Child Attachment Story Task) untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass im Gegensatz zu Normalpopulationen, in denen rund 70% aller Kinder den sicheren Bindungstyp aufweisen, in unserer Stichprobe  nur 35% der Kinder sicher gebunden sind. Ein weiterer alarmierender Befund ist, dass 23% der Kinder (im Gegensatz zu 3-5% der Kinder einer Normalpopulation) den desorganisierten Bindungstyp aufweisen, der, wie verschiedene Langzeitstudien nachgewiesen haben, auf sehr schlechte Entwicklungsprognosen hinweist. Daher ist das Präventionsprogramm und die Kinder- und Familientherapien, die in den Kindertagesstätten selbst von erfahrenen Therapeuten angeboten werden, dringend notwendig.
Im Projekt MaKreKi hat sich gezeigt, dass wir mathematisch hoch begabte Kinder in unserer Risikostichprobe finden. In Einzelfallstudien werden Risiko- und protektive Faktoren diskutiert, um diese Kinder und ihre Familien in ihrer weiteren Entwicklung bestmöglichst zu unterstützen. Das Projekt stößt auf große Aufmerksamkeit und wurde von Prof. Krummheuer u.a. in den USA und in Australien vorgestellt, was zu internationalen Kooperationen führte.

Erfreulicherweise konnte 2010 auch mit der Durchführung von ERSTE SCHRITTE begonnen werden, ein Modellprojekt, das von der Hertie Stiftung, dem BAMF, dem Land Hessen sowie weiteren Stiftungen getragen wird.  Das Projekt zielt auf eine frühe Unterstützung von Familien mit Migrationshintergrund um deren Integration zu fördern, bekanntlich ein dringendes gesellschaftliches Anliegen. Das Projekt wird trotz vieler Schwierigkeiten, vor allem mit den Familien aus muslimischen Kulturen, gut angenommen. Ausgesprochen hilfreich erweist sich die Begleitung des Projektes durch führende internationale Experten. So hat Robert N.Emde, einer der Verantwortlichen des größten Frühpräventionsprogramms in den USA, dem EARLY HEAD START Projekt, im Oktober 2010 uns in einem einwöchigen Workshop seine jahrzehntelange Erfahrung im Frühpräventionsbereich zur Verfügung gestellt. Auch Henri Parens, der jahrzehntelang mit Randgruppen in Philadelphia gearbeitet hat, berät das Projekt regelmäßig sowie Judith Trowell, ebenfalls Expertin in Frühprävention der Tavistock Clinic in London.

Erfreulicherweise ist schließlich, dass das Projekt STARTHILFE den 4. Durchgang planen kann, da die Stadt Frankfurt sich langfristig an der Finanzierung des Projektes beteiligt. Die Rückmeldungen der Erzieherinnen und Eltern sind sehr positiv. Sie erleben die wöchentliche Unterstützung ihrer Arbeit durch Stipendiaten in den Einrichtungen selbst sowie die vierzehntäglichen Supervisionen als ausgesprochen hilfreich.

Die Evaluation des Präventionsprojektes „Willkommenstage in der frühen Elternzeit“ wurde 2010 erfolgreich abgeschlossen. Ihre Ergebnisse sind in die Modifikationen der weiteren Durchführungen dieses Präventionsprojektes eingegangen.

Ebenfalls positiv ist, dass es gelungen ist, durch die Kooperation mit Prof. E. Merz, Nordwestkrankenhaus, das EU Projekt „Ethical Dilemmas due to Prenatal and Genetic Diagnostics“ für die Praxis nutzbar zu machen. In einem Liaisondienst werden Frauen, die nach einem positiven Befund der Pränataldiagnostik über Leben und Tod ihres Kindes zu entscheiden haben, eine psychoanalytische Krisenintervention angeboten, die, wie die Ergebnisse der EDIG Studie gezeigt haben, eine depressive Entwicklung der Frauen oft verhindern kann.