Frankfurter ADHS Wirksamkeitsstudie

Ausführliche Projektbeschreibung

Fragestellung der Studie

Erweisen sich psychoanalytische Kinderpsychotherapien bei Kindern mit den Diagnosen F90.0, F90.1 oder F91.3 nach ICD-10 in den Verhaltens- und Symptombereichen Aggression, Hyperaktivität, emotionale Kompetenzen als erfolgreich? Wie wirksam ist die psychoanalytische Kinderpsychotherapie im Vergleich zu drei Gruppen: a) der verhaltenstherapeutisch/ medikamentösen Behandlung b) der niederfrequenten kinderpsychiatrischen Behandlung und c) unbehandelten Kindern.
Aus dieser Hauptfragestellung leiten sich weitere, psychoanalytisch relevante Fragestellungen ab, u.a.: Welche psychodynamischen Diagnosen „verbergen sich hinter der sogenannten ADHS Diagnose“? Mit welchen psychoanalytischen Konzepten lässt sich das Zustandekommen der Symptomatik am adäquatesten beschreiben?
Die kontrollierte klinische Studie verfolgt das Ziel, dem Wissenschaftlichen Beirat eine weitere wissenschaftlich anerkannte Studie vorzulegen.
 

Manualisiertes Vorgehen in den Interventions- und Vergleichsgruppen

In der Interventionsgruppe folgt die psychoanalytische Therapie den gängigen Methoden unter Bezugnahme des Manuals „Generelle Konzepte und Gesichtspunkte bei der psychoanalytischen Behandlung von Kindern mit psychosozialen Desintegrationsstörungen (insb. ADHS)“. Das Manual wurde von den Kindertherapeuten des Instituts für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie e.V. Frankfurt unter Federführung von Adelheid Staufenberg während der Frankfurter Präventionsstudie entwickelt und erscheint demnächst im Verlag Brandes & Apsel (Staufenberg 2011, in press). Kennzeichnend für die psychoanalytische Therapie ist, dass nicht symptomorientiert gearbeitet wird. Im Vordergrund steht die individuelle Konfliktdynamik des Kindes unter besonderer Berücksichtigung der therapiebegleitenden Arbeit mit den Eltern. Im Durchschnitt dauert die psychoanalytische Behandlung 19 Monate, die Therapie wird zweistündig durchgeführt. Die Elterngespräche finden alle zwei Wochen statt.

Die verhaltenstherapeutisch/medikamentöse Vergleichsgruppe wird an der Kinder-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters J.W. Goethe Universität unter der Leitung von PD Dr. Christiane Stadler rekrutiert. Kinder mit der Diagnose einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F90.0) durchlaufen das Marburger Konzentrationstraining (MKT) nach Krowatschek, Albrecht und Krowatschek (2004), indem ein reflexiver Arbeitsstil, selbstsicheres Verhalten im Umgang mit Fehlern und die Steigerung und Erhöhung der leistungsbezogenen Motivation in 6 Sitzungen eingeübt werden. Parallel zum MKT-Kindertraining findet ein begleitendes Elterntraining mit 8 Sitzungen statt, in dem eine Verbesserung der erzieherischen Kompetenz, eine Verminderung der sich wechselseitig verstärkenden negativen Interaktionsmuster zwischen Kind und Eltern sowie eine Verbesserung des familiären Klimas angestrebt wird.
Kinder der VT-Gruppe, die in der psychiatrischen Diagnostik die Kriterien einer Störung des Sozialverhaltens (F91.3) oder einer hyperkinetische Störung mit einer Störung des Sozialverhaltens erfüllen, nehmen an dem zweiwöchigen verhaltenstherapeutischen Intensivtraining zur Reduktion von Aggression nach Grasman und Stadler (2008) teil.

Die zweite Vergleichsgruppe „Treatment As Usual“ (TAU) wird von Dr. med. Emil Branik an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie der Asklepios Klinik Hamburg Harburg betreut und umfasst Elternberatung, eine niederfrequente kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung zu der optional eine Medikation, Ergotherapie, ein soziales Training oder ein Eltern-Management-Training angeboten wird.

Die unbehandelte Kontrollgruppe erhält keine Intervention.
 

Messzeitpunkte der Interventions- und Vergleichsgruppe
Die erste Messung, Prämessung, findet nach der Therapieindikation in der Ambulanz oder bei niedergelassenen Therapeuten statt. Kommt eine Therapie zustande und sind die Einschlusskriterien erfüllt, erfolgt sechs Monate nach dem Beginn der Therapie die zweite Messung, die bis zum Ende der Therapie im halbjährigen Abstand wiederholt wird. Nach dem Ende der Therapie wird eine Postmessung durchgeführt. Nach einem weiteren Jahr erfolgt die letzte Messung, die Katamnese.
 

Messinstrumente
Es werden folgende Messinstrumente verwendet:

  •  Diagnostiksystem für psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter (DISYPS-KJ)
  • Child Behaviour Checklist für Eltern (CBCL) und für Lehrer (TRF)
  • Connors-Wells-Fragebögen für Eltern (CPRS) sowie für Lehrer (CTRS)
  • Verhaltensbeobachtung während der testpsychologischen Untersuchung (VWU)
  • Bogen für zusätzliche Angaben (Schwangerschaft, frühkindliche Entwicklung, Familiensituation, Ereignisse in Bezug auf wichtige Prädiktoren für eine mögliche ADHS-Entwicklung)
  • Intelligenztest (CFT1), erweitert durch CFT 20R
  • Inventar zur Lebenszufriedenheit von Kindern und Jugendlichen (ILK) (Bogen für Kinder, Eltern und Therapeuten)
  • Schweinchen Schwarzfußtest zur Vorbereitung von Einzelfallstudien (projektiver Test)
     

Diagnosestellung
Die Diagnosen nach ICD-10 werden von einem unabhängigen, in ICD-10 geschulten Klinikern gestellt (Reliabilität der Diagnosestellung wird überprüft).
Zudem findet eine testpsychologische Abklärung statt. Auf diese Weise können Komorbiditäten (CBCL) festgestellt und dokumentiert werden.
 

Stichprobenumfang
Für den statistischen Nachweis wird eine Stichprobengröße von N = 30 Kindern pro Untersuchungsgruppe angestrebt.
 

Statistische Auswertungen (Berater: Prof. Dr. B. Rüger)

Es werden Prä-Post-Katamnese Vergleiche von Kindern in psychoanalytischen Therapien sowie Gruppenvergleiche zwischen der Interventionsgruppe und den Kontrollgruppen, wie auch Vergleiche zwischen und innerhalb von „matched pairs“ durchgeführt. Für die statistischen Gruppenvergleiche (Interventionsgruppe/Kontrollgruppe) werden parametrische und bei Nichterfüllung der Voraussetzungen nichtparametrische Verfahren verwendet. Effektstärkemaße werden nach Cohen’s d, berechnet. Zur statistischen Vorhersage psychischer Belastungen werden multiple Regressionsanalysen angewandt.
 

Stand des Projekts (Januar 2011) 
Mit Blick auf das Jahr 2009/2010 können wir nicht nur auf eine Reihe von Außendarstellungen des Projektes verweisen – wie die Präsentation auf dem Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA) am 29. August 2009 in Chicago, einem Vortrag auf der 11. Joseph Sandler Research Conference mit dem Titel: „Persisting Shadows of Early and Later Trauma“ in Frankfurt am Main am 6. Februar 2010 und der 3. Wissenschaftlichen Tagung für Psychotherapieforschung im Kindes- und Jugendalter am 29. März 2010 an der Charité in Berlin –, sondern wir können erstmals Ergebnisse über den Verlauf der unbehandelten Kontrollgruppe vorlegen.
Die Nacherhebung der unbehandelten Kontrollgruppe der Frankfurter Präventionsstudie, deren Daten wir dazu nutzen, Kinder dieser Gruppe mit Kindern, die psychoanalytisch behandelt werden, zu matchen, stellte einen Schwerpunkt der Datenerhebung im Jahr 2009 dar. Die Ergebnisse der Nachuntersuchung von 25 Kindern der unbehandelten Kontrollgruppe der Frankfurter Präventionsstudie sechs Jahre nach der Basiserhebung 2003 legen nahe, dass die mittels der Subskalen „Oppositionelles Verhalten“, „Unaufmerksamkeit“ und „ADHS-Index“ des Elternfragebogens CPRS:R-S (Conner et al., 2001) beschriebenen Verhaltensweisen und Symptome sich nicht mit der Zeit „auswachsen“, vieles spricht vielmehr dafür, dass sie persistieren. Lediglich für die Subskala „Hyperaktivität“ konnte ein statistisch signifikanter Rückgang beobachtet werden. Die Werte der erwähnten drei anderen Skalen verblieben auf dem hohen Niveau der Ausgangswerte (Läzer, Neubert, Leuzinger-Bohleber 2010).

Wichtigster Befund zum derzeitigen Stand der psychoanalytischen Gruppe ist folgender: Von 17 Kindern, die bereits die psychoanalytische Therapie abgeschlossen haben, erfüllen 13 Kinder nicht mehr die Kriterien einer ICD-10 Diagnose (sowohl aus Eltern- als auch aus Lehrerperspektive).
Die Datenerhebung der Postmessung und der Katamnese werden in der psychoanalytischen Gruppe sowie in der verhaltenstherapeutisch/ medikamentösen Vergleichsgruppe und der Vergleichsgruppe „Treatment as usual“ (TAU) weitergeführt und voraussichtlich im Jahr 2012 abgeschlossen.

Hinsichtlich der Einwerbung von weiteren Drittmitteln engagierten wir uns erfolgreich. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) fördert praxisnahe Forschungsprojekte an Hessischen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (Fachhochschulen). Frau Prof. Dr. Birgit Gaertner ist es gelungen im Rahmen dieses Programms EUR 32.400,00 für das Projekt: „Entwicklung einer klinischen Typologie von Kindern mit Symptomen des sogenannten Aufmerksamkeitsdefizits-/Hyperaktivitätssyndroms (ADHS)“ einzuwerben. Dies ermöglicht dem SFI-Forscherinnenteam ab dem 1. Oktober 2010 für ein Jahr, unterstützt durch die analytische Paar- und Familienpsychotherapeutin Frau Inken Seifert-Karb auf halber Stelle, die Arbeit an der klinischen Typologie zu Kindern mit dem Label ADHS entlang des SFI Samples fortzuführen und zu vertiefen.
Katrin Luise Läzer warb ein LOEWE Stipendium von EUR 4.600,00 ein und befand sich für einen dreimonatigen Forschungsaufenthalt am Psychiatric Institute der Columbia University in New York als Gastwissenschaftlerin bei Prof. Dr. Bradley Peterson (Direktor der Child- and Adolescent Psychiatry).

Veröffentlichungen des Projektes
Katrin Luise Läzer, Birgit Gaertner, Tanja Brand, Marianne Leuzinger-Bohleber. Hyperaktive Kinder – eine Herausforderung für die Kinderpsychotherapie. Erster Bericht aus einer laufenden Therapiewirksamkeitsstudie. Analytische Kinder-und Jugendlichen-Psychotherapie 4 (2009), Heft 144: 557-594


Katrin Luise Läzer, Verena Neubert, Marianne Leuzinger-Bohleber. Wachsen sich ADH-Symptome mit der Zeit aus? Ergebnisse der Nacherhebung der unbehandelten Kontrollgruppe der Frankfurter Präventionsstudie. Analytische Kinder-und Jugendlichen-Psychotherapie 4 (2010), Heft 148: 558-578.

Marianne Leuzinger-Bohleber. Frühe Kindheit als Schicksal? Trauma, Embodiment, Soziale Desintegration. Psychoanalytische Perspektiven. Mit kinderanalytischen Fallberichten von Angelika Wolff und Rose Ahlheim. Stuttgart: Kohlhammer, 2009

Marianne Leuzinger-Bohleber, Jorge Canestri, Mary Target (Hg. Frühe Entwicklung und ihre Störungen. Klinische, konzeptuelle und empirische psychoanalytische Forschung. Kontroversen zu Frühprävention, Resilienz und ADHS. Frankfurt a.M.: Brandes und Apsel, 2009

Katrin Luise Läzer, Mareike Sonntag, Roxanne Drazek, Richard-Ismael Jaeschke, Caroline Hogreve: Einführung in die systematische Literaturrecherche mit den Datenbanken "PsycINFO", "Pubmed" und "PEP – Psychoanalytic Electronic Publishing" sowie in das Literaturverwaltungsprogramm "Citavi". Ein Tutorial für Studierende der Fächer Psychologie, Pädagogik, Psychoanalyse und Medizin. (2010) urn:nbn:de:hebis:34-2010081634029 http://cms.uni-kassel.de/unicms/fileadmin/groups/w_080100/Seminare/Tutorial_Literaturrecherche_30.4.2010.pdf

Magisterarbeiten
Folgende Magisterarbeiten entstanden zum Thema und im Rahmen des Projektes am Institut für Psychoanalyse, FB 01 der Universität Kassel betreut von Marianne Leuzinger-Bohleber und Katrin Luise Läzer.

Cui, Haoming (2010). Zum medizinischen, familiären und pädagogischen Umgang mit ADHS in China. Eine Beobachtungsstudie. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Universität Kassel.

Drazek, Roxanne (2010). Familiendynamik und ADHS. Eine systematische Literaturanalyse. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Universität Kassel.

Hogreve, Carolin (2010). ADHS und Komorbidität. Eine systematische Literaturanalyse. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Universität Kassel.

Jaeschke, Richard-Ismael (2010). Bindung und ADHS. Ursachen einer ADHS aus bindungstheoretischer Perspektive. Eine systematische Literaturanalyse. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Universität Kassel.

Koch, Lisa (2010). ADHS – Eine Inhaltsanalyse von Zeitungsartikeln der Zeitschrift „Eltern“ und dem „Deutschen Ärzteblatt“. Eine empirische Untersuchung. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Universität Kassel.

Neubert, Verena (2010). Die Entwicklung von ADHS bei Kindern ohne psychotherapeutische Intervention.
Nachuntersuchung der unbehandelten Kontrollgruppe der Frankfurter Präventionsstudie. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Universität Kassel.

Sonntag, Mareike (2010). Medikamente und ADHS. Eine systematische Literaturanalyse. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Universität Kassel.
 

Ansprechpartner/-innen

Dr. Katrin Luise Läzer
E-Mail laezer
@sigmund-freud-institut.de

Projektdaten

Informationen zu Laufzeit, Beteiligten und Förderung etc. sowie die Ansprechpartner finden Sie -> hier.