Forschungsfeld 4

Szenisches Erinnern der Shoah

Projekttitel
Szenisches Erinnern der Shoah. Zur transgenerationalen Tradierung extremen Traumas in Deutschland

Projektleitung
Dr. Kurt Grünberg
Co-Projektleitung
Dr. Friedrich Markert


Das Forschungsprojekt Szenisches Erinnern der Shoah. Zur transgenerationalen Tradierung extremen Traumas in Deutschland hat das Ziel, die Vermittlung von Verfolgungserfahrungen jüdischer Überlebender an ihre Töchter und Söhne zu ergründen, dies insbesondere unter den spezifischen Bedingungen im „Land der Täter“.

Das Leben von Juden im nach-nationalsozialistischen Deutschland unterscheidet sich nämlich wesentlich vom Leben derjenigen Überlebenden, die in andere Länder, z.B. Israel, USA, Kanada oder nach Südamerika emigrieren konnten. In Deutschland geht es nicht nur darum, wie Menschen nach ihrer Befreiung mit den extrem traumatischen Erfahrungen leben und was sie an ihre Nachkommen vermitteln, sondern auch um das deutsch-jüdische Verhältnis, das tiefgreifend von der Shoah geprägt ist. Die Beteiligung oder Verstrickung in die Verfolgung auf Seiten der Nazi-Täter, Mitläufer und Zuschauer steht in diesem Land auf spezifische Weise den Erfahrungen der Opfer gegenüber und prägt damit das gegenseitige Verhältnis wie auch die jeweils unterschiedlichen Tradierungslinien (vgl. Grünberg 1987, 1997, 1998, 2000b, 2001, 2004a, Kaminer 1991, 1997, 2006, Rosenthal 1997, Speier 1987, 1990, 1991).

Um unbewusste Prozesse der intergenerationalen Übertragung traumatischer Erfahrungen untersuchen zu können, wird das szenische Erinnern der Shoah in den Mittelpunkt unserer Untersuchung gestellt.

In der bisherigen Literatur der Erforschung des Extremtraumas der Shoah und dessen Übermittlung an nachfolgende Generationen haben vor allem die sprachlichen Mitteilungen der Überlebenden oder deren Schweigen besondere Beachtung gefunden (Grünberg 2000b, 1018ff.; vgl. auch Hans Keilson 1984, 1998: „Wohin die Sprache nicht reicht“), während das nonverbal Szenische, das sich im unbewussten Gestalten einer Situation, im Handeln und in Handlungsdialogen offenbart, bislang nicht ausreichend untersucht wurde. Der systematischen Erforschung dieser Szenen, welche Überlebende und ihre Nachkommen gestalten, gilt somit das besondere Interesse der geplanten Studie, verwirklichen sich doch gerade in diesen Szenen – oft auch in mehrfach verdichteter Form – die traumatischen internalisierten Erfahrungen der Überlebenden, wie sie diese dann auch szenisch an ihre Nachkommen tradieren. Selbstverständlich ist zu beachten, dass unbewusste Vorgänge auch im „Rein“-Sprachlichen ihren Ausdruck finden können.
Das Konzept szenischen Erinnerns basiert zunächst auf der Methode des szenischen Verstehens nach Alfred Lorenzer (1970a und 1970b, 2002) und Hermann Argelander (1967, 1968, 1970a und 1970b), die wesentliche Erkenntnisse zur Analyse verbalen wie nonverbalen Interaktions- und Beziehungsgeschehens in psychoanalytischen Behandlungssituationen herausgearbeitet haben. Das szenische Verstehen hat zum Ziel, die Dynamik und Bedeutung dieser unbewussten Inszenierungen zu erfassen.

Ein solcher Verstehensprozess dürfte im Falle der Auseinandersetzung mit den Verfolgungserfahrungen der Shoah allerdings nicht in gleicher Weise möglich sein, denn konfrontiert mit dem extremen Trauma befindet man sich im Grenzbereich dessen, was für das menschliche Fassungsvermögen als begreifbar erscheint (vgl. etwa das literarische Werk von Paul Celan oder Elie Wiesel). So entsteht die Frage, wie sich die Überlebenden an die Vernichtungserfahrungen erinnern und wie sie diese an die nächste Generation vermitteln. Sie befinden sich nämlich in einem nicht lösbaren Dilemma: es ist ihnen weder möglich, zu vergessen, noch ist es ‚aushaltbar‘, sich zu vergegenwärtigen, was ihnen und ihren Nächsten angetan wurde. So ist zu untersuchen, welche Überlebens-Strategien angewendet werden, um das Unerträgliche erträglicher zu machen. Vermutlich können Verfolgungserlebnisse bereits im Moment des Geschehens nicht als Ganzes und im Zusammenhang gespeichert werden, sondern müssen in Teile zerlegt und in tiefere Schichten der Seele ‚vergraben‘ und zum Teil auch abgekapselt bzw. dissoziiert werden (vgl. Abraham und Torok 1972, Grünberg 2004b, Leuschner 2004). Auf diese Weise entsteht ein existentieller und höchst labiler Zustand, eine ständige Angstbereitschaft vor einer drohenden Katastrophe, weil jederzeit die Gefahr der Wiederkehr bereitliegender oder vorbewusster Erinnerungen, aber auch ein Wiederbewusstwerden des ‚Vergrabenen‘ und des Aufbrechens der Einkapselungen besteht. Das Schreckliche, das nicht der Vergangenheit angehören und somit nicht betrauert werden kann, droht dann in das bewusste Erleben einzubrechen. Die fragmentierten, dissoziierten und nicht verarbeitbaren Erinnerungen der Überlebenden, die sich szenisch in den Beziehungen zu ihren Familienangehörigen wie zu anderen Menschen in ihrer Umgebung manifestieren, sollen als szenisches Erinnern des Nicht-in-Worte-Fassbaren erforscht werden. Einsichten in solche diffizilen Prozesse der unbewussten Trauma-Bearbeitung könnten für die weitere Erforschung der langfristigen Folgen traumatischer Erfahrungen wie für den psychotherapeutischen und gesellschaftlichen Umgang damit von grundlegender Bedeutung sein.

So stellen sich folgende Fragen: Wie erinnern und erleben die überlebenden Opfer der nationalsozialistischen Judenvernichtung ihre langjährigen Erfahrungen von Diskriminierung, Ausgrenzung, Deportation und Verfolgung in Ghettos, im Versteck, in Arbeits- oder Konzentrationslagern? Welche typischen Beziehungs- und Konfliktkonstellationen entwickeln sich in den Überlebenden-Familien zwischen den Generationen? Wie gestaltet sich der Separations-Individuationsprozess?

Zur Beantwortung dieser Fragen werden zum einen diejenigen Szenen untersucht, die sich in den Übertragungsprozessen der Überlebenden wie der Zweiten Generation mit den Psychoanalytikern manifestieren, zum anderen aber auch die Szenen, in denen Patienten oder Probanden aus ihrem Leben ‚erzählen‘.

Die Untersucher erforschen die psycho-sozialen Spätfolgen der Shoah insbesondere in Deutschland etwa seit dem Jahr 1980. Ihre unterschiedlichen Perspektiven als nicht-jüdisch-deutscher im Unterschied zu einem jüdischen Psychoanalytiker in Deutschland fließen kontinuierlich in die gemeinsame Arbeit mit dem Forschungsthema ein. Die Auseinandersetzung mit dem szenischen Erinnern der Shoah wird dabei als Element eines Generationen übergreifenden individuellen wie gesellschaftlichen Bearbeitungs- und Trauer-Prozesses verstanden.

(14/9/2011)

Kontakt

Dr. Kurt Grünberg

Telefon 069 971204-122
E-Mail gruenberg
@sigmund-freud-institut.de