Pressemitteilung
zum Vortrag von Marianne Leuzinger-Bohleber: Frühe Kindheit als Schicksal? – Möglichkeiten und Grenzen der Frühprävention.
Frankfurt, Haus am Dom, „Willkommenstage in der frühen Elternzeit. Vorstellung der Projektergebnisse“, 24.11.2009
Die Schere zwischen den Gewinnern und den Verlierern von Globalisierung, Flexibilisierung, Migration und Wettbewerb klafft auch in Deutschland immer weiter auseinander. So haben die PISA und IGLU Studien u.a. gezeigt, dass Bildungschancen nach wie vor wesentlich vom familiären Hintergrund der Kinder abhängen. Je schwieriger die Familienverhältnisse, je schlechter die Bildungschancen. Zudem gelingt die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund weit weniger gut als bisher angenommen: jedes vierte Kind mit diesem familiären Herkunft verlässt die deutschen Schulen ohne Abschluss, bekanntlich einer der Gründe für vermehrte Gewalt und andere Fehlentwicklungen bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Zudem scheint die Bereitschaft, Konflikte gewaltsam auszutragen, unter Aufwachsenden ganz allgemein zuzunehmen und ist vor allem bei immer jüngeren Kinder in allen Schichten der Bevölkerung zu beobachten. Diese Fakten sind alarmierend, besonders wenn wir an die enormen Chancen denken, frühe Entwicklungen zu fördern und nicht optimal verlaufende Startbedingungen in den ersten Lebensjahren zu korrigieren.
Daher teilen wir mit den Initiatorinnen und Initiatoren des Projektes „Willkommenstage in der frühen Elternschaft“ die Überzeugung, dass die Frühprävention zu einem immer dringlicheren gesellschaftlichen Problem geworden ist. Wir haben daher gerne die Aufgabe übernommen, den ersten Durchlauf des Projektes wissenschaftlich zu evaluieren.
Im Vortrag werden, nach einigen allgemeinen Ausführungen zur Chancen und Grenzen der Frühprävention, einige der wichtigsten Ergebnisse der Evaluation zusammengefasst.
Erfreulicherweise widmen sich in den letzten Jahren verschiedene Initiativen und Projekte in der Stadt Frankfurt der Frühprävention. Das Projekt „Willkommenstage in der frühen Elternzeit“ ist daher einerseits Teil dieses sich entwickelnden Netzwerks, kann aber auch durch sein spezifisches, niedrigschwelliges Angebot eine wichtige Lücke in diesem Netzwerk schließen. Keines der anderen Projekte fügt sich so gut wie die „Willkommenstage“ in schon bestehende institutionelle Strukturen ein, nämlich in die Katholischen Familienbildung Frankfurt. Dadurch ist eine große institutionelle Kontinuität gewährleistet, sowie die Möglichkeit, die „Willkommenstage“ auch in anderen Familienbildungsstätten zu implementieren.
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die Mischung aus „Geh- und Kommstruktur“ der „Willkommenstage“. Familien mit erhöhtem psychosozialen Risiko werden durch Familienbegleiterinnen aufgesucht, falls sie dazu ihre Einwilligung geben. Diese Freiwilligkeit ist eine wichtige Voraussetzung, damit die Familien die Unterstützung annehmen können. Andererseits wird den Familien durch die „Müttercafés“ die Möglichkeit gegeben, sich mit anderen Familien in den Familienbildungsstätten zu treffen, soziale Beziehungen untereinander aufzubauen sowie an den „Willkommenssamstagen“ Fortbildungen zu erhalten. Einige Familien haben alle Angebote, andere nur eine Auswahl davon angenommen.
Ebenfalls zum besonderen Profil der „Willkommenstage“ gehört, dass den Familien nicht ein „gestanztes Programm“ übergestülpt wird, sondern sie in ihrer Individualität, mit ihren Stärken und Schwächen wahrgenommen werden und eine auf sie zugeschnittene Unterstützung und Förderung erhalten. Dieser individuelle, verstehende und unterstützende Zugang ist besonders bei Familien in schwierigen Lebensphasen (z.B. sehr frühe Mutterschaft, Gewalt in der Familie, Armut, Migrationshintergrund, soziale Isolation) entscheidend. Ein weiteres Merkmal ist, dass sich die „Willkommenstage“ eindeutig als Präventionsangebot verstehen und die Familien an entsprechende Fachleute (z. B. Therapeuten) überweisen, falls sich eine Intervention als notwendig erweist. Dadurch wird den Familien vermittelt, dass ihre Ressourcen wahrgenommen, sie „gefördert“ und „unterstützt“, aber nicht „stigmatisiert“ oder „pathologisiert“ werden.
Als wichtigstes Ergebnis der Evaluation kann festgestellt werden, dass das Projekt „Willkommentage“ Familien in schwierigen Lebenssituationen erreicht hat, was keineswegs selbstverständlich ist. Wie wir wissen, sind gerade jene Familien, die psychosoziale Unterstützung am dringendsten bräuchten, oft für Fachleute im schwierigsten zu erreichen. Hervorzuheben ist ferner, dass gerade auch Familien mit Migrationshintergrund durch die „Willkommenstage“ erreicht wurden. Für die meisten dieser Familien konnte zudem eine weiterführende Förderung und Unterstützung gewonnen werden.
Ein weiteres positives Ergebnis ist, dass alle Familien von der Teilnahme an den „Willkommenstagen“ profitiert haben und ihre Erziehungskompetenz erweitern konnten. Dies ist u.a. dem großen Engagement und der Einfühlung der Familienbegleiterinnen und ihrer Lernbereitschaft zu verdanken. Ebenso wichtig war die stetige und haltende Begleitung der Arbeit in und mit den Familien durch die Projektleitung (Koordinatorin, Leiterin der Familienbildungsstätte). Auch das ergänzende Angebot (Müttercafés, Willkommenssamstage) wurde gut angenommen. Durch alle diese Angebote wurden die Eltern in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich ihre Kinder adäquat entwickeln und vermehrt eine sichere Bindung aufbauen können. Aus all diesen Gründen äußerten sich die meisten der befragten Fachleute ausgesprochen positiv über die „Willkommenstage“.
Noch optimieren kann man die Überweisung an die „Willkommenstage“, verbunden mit einer noch klareren Definiton der Zielgruppe der „Willkommenstage“. Nach den Erfahrungen des ersten Projektjahres können folgende Fragen klarer beantwortet werden: Welche Familien können aufgrund der vorhandenen Ressourcen wirklich unterstützt, gefördert und aufgefangen werden - wo sind die Grenzen der Belastbarkeit für die Projektmitarbeiterinnen und - mitarbeiter? Wie kann sinnvoll mit dem fließenden Übergang zwischen „Familien in schwierigen Lebenssituationen“ zu „extremen Multiproblemfamilien“ umgegangen werden, Familien, die z.B. nicht ohne enge Kooperation mit dem Jugend- und Sozialamt zu betreuen sind. Welche Familien möchten die „Willkommenstage“ einschließen und welche sind im gegebenen Rahmen nicht mehr tragbar?
Zusammenfassend können wir festhalten, dass die Evaluatorinnen insgesamt einen sehr positiven Eindruck der „Willkommenstage“ gewonnen haben und daher hoffen, dass dem Projekt nicht nur ein erfolgreicher zweiter Durchgang, sondern auch eine dauerhafte Implementierung in der Stadt Frankfurt ermöglicht wird.
Die „Willkommentage“ bauen eine Brücke zu jenen Familien und Kindern, die am Rande unserer Gesellschaft leben. Zwar wird in unserer Stadt erfreulicherweise in den letzten Jahren schon vieles für solche Familien in Not getan - doch reicht es, wie wir wissen, noch lange nicht aus. Alle neueren Studien zeigen, dass die soziale Schere zwischen den sozial privilegierten Kindern, denen alle Türen offen stehen und jenen Kindern, die kaum auf eine Zukunft jenseits von Armut und Elend hoffen können, immer weiter auseinanderklafft. Die „Willkommenstage“ tragen das ihre dazu bei, diese Schere nicht zu verleugnen – und die Chancen einer guten Entwicklung ihrer Kinder, wenigstens für einige Familien, zu erhöhen.
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