50 Jahre Sigmund-Freud-Institut

Pressemitteilung vom 20.4.2010

FRANKFURT. Welchen Beitrag leistet die Psychoanalyse als Wissenschaft des Unbewussten heute zu einem vertieften Verständnis seelischen Leidens und seiner biografischen und gesellschaftlichen Ursachen? Das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut stellt sich dieser Frage aus Anlass seines 50jährigen Bestehens bei einer Festveranstaltung am 24. April (Samstag) auf dem Campus Westend der Goethe-Universität.

Noch vor einigen Jahren von der Schließung bedroht, schafften es die beiden Direktoren Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber und Prof. Rolf Haubl mit ihrem Wissenschaftlerteam, dem renommierten Institut eine neue Perspektive zu geben: In umfänglich geförderten Projekten zur Depressions-, Gedächtnis- und Traumforschung sowie im Rahmen von Untersuchungen zur Frühprävention und zu Traumata werden Methoden der klinischen Psychoanalyse, Grundlagenforschung in den Neurowissenschaften und die Sozialpsychologie miteinander verbunden.

„Mit unserer Arbeit folgen wir einer Forschungstradition, die viele Aspekte der modernen Gesellschaft einbezieht: Das Sigmund-Freud-Institut beteiligt sich am wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs über Themen wie Neid, Hass und Gewaltbereitschaft, psychische Belastungen am Arbeitsplatz und die Medikalisierung sozialer Probleme“, unterstreicht Haubl, der auch eine Professur für Sozialpsychologie an der Goethe-Universität inne hat. Und Leuzinger-Bohleber ergänzt: „Eine der wichtigsten Veränderungen ist wohl die Notwendigkeit, intensiv und konkret in internationalen, interdisziplinären und transgenerationellen Netzwerken zu arbeiten: Wissenschaft ist heute, auch für die Psychoanalyse, zu einem Joint venture geworden, das von weltweiten Forschungskooperationen lebt.“

Das Sigmund-Freud-Institut führt interdisziplinäre empirische Studien durch, deren Ergebnisse in den Dialog zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaften einfließen. Ein Beispiel ist eine Teiluntersuchung zur Therapiewirksamkeitsstudie „Wenn chronisch Depressive ihre Therapie wählen. Zur Wirksamkeit psychoanalytischer verglichen mit kognitiv-behavioraler Langzeitbehandlungen chronisch Depressiver“. In dieser Teiluntersuchung werden die Ergebnisse von Langzeittherapien auch mit Hilfe von Elektroenzephalografie (EEG) und funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRI) untersucht.

Bei der Festveranstaltung - mit Grußworten des hessischen Ministers für Arbeit, Familie und Gesundheit Jürgen Banzer (CDU), der Frankfurter Oberbürgermeisterin Dr. h.c. Petra Roth (CDU) und der beiden Universitätspräsidenten Prof. Werner Müller-Esterl und Prof. Rolf-Dieter Postlep (Kassel) - wird Dr. Tomas Plänkers, langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts, die Geschichte des Sigmund-Freud-Institut rekonstruieren. Die beiden Direktoren werden danach kurz die aktuellen Forschungsaktivitäten skizzieren. Anschließend positioniert Harold Blum (New York) das Institut im Rahmen der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

Im öffentlichen Abendvortrag
am Samstag, den 24. April 2010, um 20.30 Uhr
Ort: Campus Westend, Hörsaalzentrum, Hörsaal HZ4
Grüneburgplatz 1, 60323 Frankfurt am Main

berichtet Prof. Daniel Stern (Boston/Genf), einer der bekanntesten Experten psychoanalytischer Forschung, besonders der empirischen Säuglingsforschung, über neue Erkenntnisse zur menschlichen Entwicklung. Der Titel seines Vortrags lautet „A developmental perspective on intersubjectivity from birth on“.
Das Sigmund-Freud-Institut arbeitet nicht nur eng in der Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses, bei Forschungsprojekten und Tagungen mit den Universitäten Frankfurt und Kassel zusammen; es pflegt traditionell auch einen regen internationalen Austausch: Es kooperiert mit führenden Forschungseinrichtungen, darunter das Anna Freud Centre und die Tavistock Clinic in London, die Columbia University in New York sowie die Hebrew University in Jerusalem. Neben der Forschung ist die psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung ein wichtiges Anliegen des Sigmund-Freud-Instituts. Dazu Leuzinger-Bohleber: „In unserer Ambulanz betreuen wir jährlich rund 600 Patienten. Sie erhalten qualifizierte Beratungsgespräche, Indikationsstellungen und Überweisungen an niedergelassene Therapeuten. Seit 2002 verfügen wir zudem über eine Depressionsambulanz. Zurzeit sind wir dabei, gemeinsam mit dem Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie eine Spezialsprechstunde für Kinder, die unter Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, aufzubauen.“

Zur Historie
Die von Sigmund Freud vor über 100 Jahren begründete Psychoanalyse ist mit der Stadt Frankfurt am Main traditionell eng verbunden. Hier gründete eine Gruppe von Psychiatern und Psychologen, darunter Erich Fromm, Klara Happel, Karl Landauer, Heinrich Meng, Frieda Fromm-Reichmann, Ewald Roellenbleck und Franz Stein, im Jahr 1926 die psychoanalytische „Südwestdeutsche Arbeitsgemeinschaft“. Daraus ging zwei Jahre später das Frankfurter Psychoanalytische Institut (FPI) hervor. Die Wissenschaft vom Unbewussten der menschlichen Psyche erlebte in Frankfurt jedoch nur eine kurze Blütezeit, Höhepunkt war die Verleihung des Goethepreises an Freud im Jahr 1930. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten sah sich das Institut gezwungen, seine Tätigkeit 1933 einzustellen. Die zumeist jüdischen Psychoanalytiker mussten emigrieren.

Nach dem Krieg gelang es Alexander Mitscherlich, die Idee zur Gründung eines Sigmund-Freud-Instituts voranzutreiben. Er hatte mit seinem Abschlussbericht zum Nürnberger Ärzteprozess „Medizin ohne Menschlichkeit“ einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Verbrechen im Nationalsozialismus geleistet, eine Voraussetzung, dass vertriebene und verfolgte Psychoanalytikerinnen bereit waren, ihn dabei zu unterstützen, die Psychoanalyse nach Deutschland zurückzubringen. Trotz aller Widerstände konnte Mitscherlich mit viel politischem und rhetorischem Geschick und der Unterstützung von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die Gründung eines psychoanalytischen Ausbildungs- und Forschungsinstituts durchzusetzen. Nach einer Vortragsreihe im Wintersemester war es am 27. April 1960 endlich so weit: das „Institut und Ausbildungszentrum für Psychoanalyse und psychosomatische Medizin“ wurde feierlich in Frankfurt eröffnet.

„Das Sigmund-Freud-Institut entwickelte sich zu einem inspirierenden Begegnungsort der Psychoanalyse und trug viel dazu bei, dass die Psychoanalyse in den 1960er und 70er Jahren eine große Blüte erlebte“, erinnert sich Leuzinger-Bohleber. Die Mitscherlich nachfolgenden Direktoren, Clemens de Boor, Hermann Argelander, Dieter Ohlmeier und Horst-Eberhard Richter, haben die spezifischen Tradition dieser Institution weitergeführt und die enormen Veränderungen in den letzten 50 Jahren mitgestaltet. 1995 wurde das Institut in eine Stiftung des öffentlichen Rechts umgewandelt, das sich nun ausschließlich der psychoanalytischen Forschung widmen sollte. Die psychoanalytische Ausbildung übernahm das Frankfurter Psychoanalytische Institut (FPI), mit dem das Institut eng kooperiert.

Die größte bisherige institutionelle Krise erlebte das Sigmund-Freud-Institut, ein knappes Jahr nachdem Leuzinger-Bohleber und Haubl die Leitung übernommen hatten. Das Hessische Ministerium kündigte eine 50-prozentige Kürzung der staatlichen Zuwendungen an, was letztlich die Schließung bedeutet hätte. Haubl schaut zurück: „Mit einer großen Kraftanstrengung konnten wir dies verhindern. Wir sind sehr froh, dass es uns gelungen ist, das Institut, wenn auch in vieler Hinsicht in anderer Weise als in seinen Gründungszeiten, mit neuer wissenschaftlicher Produktivität zu füllen.“

Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber, Prof. Rolf Haubl