50 Jahre Sigmund-Freud-Institut

Das Sigmund-Freud-Institut (SFI) hat seine Existenz vor allem Alexander Mitscherlich zu verdanken. Er hatte mit seinem Abschlussbericht zum Nürnberger Ärzteprozess „Medizin ohne Menschlichkeit” einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Verbrechen im Nationalsozialismus geleistet, eine Voraussetzung, dass vertriebene und verfolgte Psychoanalytikerinnen bereit waren, ihn dabei zu unterstützen, die Psychoanalyse nach Deutschland zurückzubringen. Mitscherlich nutzte die guten Kontakte zur Hessischen Regierung und zum Institut für Sozialforschung, um trotz aller Widerstände und mit viel politischem und rhetorischem Geschick die Gründung eines psychoanalytischen Ausbildungs- und Forschungsinstituts durchzusetzen. Nach einer Vortragsreihe im Wintersemester war es am 27. April 1960 endlich so weit: das „Institut und Ausbildungszentrum für Psychoanalyse und psychosomatische Medizin” wurde feierlich in Frankfurt eröffnet.

Das SFI entwickelte sich zu einem inspirierenden Begegnungsort der Psychoanalyse und trug viel dazu bei, dass die Psychoanalyse in den 1960iger und 70iger Jahren eine große Blüte erlebte. Alle nachfolgenden Direktoren, Clemens de Boor, Dieter Ohlmeier und Horst-Eberhard Richter und die vielen Mitarbeiterinnen am SFI haben klinisch, wissenschaftlich und kulturtheoretisch die spezifischen Tradition dieser Institution weitergeführt und die enormen Veränderungen in den letzten 50 Jahren mitgestaltet.

1972 wurde in den Räumen des SFIs eine zweite Institution gegründet: das Institut für Analytische Kinder-und Jugendlichen-Psychotherapie (IKJP), mit dem wir heute intensiv im Bereich der Frühprävention zusammenarbeiten. 1995 wurde das SFI in eine Stiftung des öffentlichen Rechts umgewandelt, das sich nun ausschließlich der psychoanalytischen Forschung widmen sollte. Die psychoanalytische Ausbildung übernahm das Frankfurter Psychoanalytische Institut (FPI), mit dem wir ebenfalls eng kooperieren, etwa in der Ambulanz und in der LAC Depressionsstudie.

Die größte bisherige institutionelle Krise erlebte das SFI 2003, ein knappes Jahr nachdem wir die neue Leitung übernommen hatten. Das Hessische Ministerium
kündigte eine 50%ige Kürzung der staatlichen Zuwendungen an, was eigentlich eine Schließung bedeutete. Mit einer großen Kraftanstrengung konnten wir dies
verhindern. Wir sind sehr froh, dass es uns gelungen ist, das Institut, wenn auch in vieler Hinsicht in anderer Weise als in seinen Gründungszeiten, mit
neuer wissenschaftlicher Produktivität zu füllen.

In allen Veranstaltungen, in der gemeinsamen Vortragsreihe an der Johann Wolfgang Goethe Universität und den verschiedenen Tagungen, werden wir zusammen mit unseren derzeitigen MitarbeiterInnen illustrieren, in welcher Weise wir in den laufenden Forschungsprojekten versuchen, die spezifische Tradition des Hauses aufzunehmen und mit den neuen Anforderungen an ein heutiges internationales psychoanalytisches Forschungsinstitut zu verbinden. Eine der wichtigsten Veränderungen ist wohl die Notwendigkeit, intensiv und konkret in internationalen, interdisziplinären und transgenerationellen Netzwerken zu arbeiten: Wissenschaft ist heute, auch für die Psychoanalyse, zu einem Joint venture geworden, das von weltweiten Forschungskooperationen lebt - und zudem viel medialisierter abläuft, als wir uns dies gerne eingestehen. Zudem hat sich das Verhältnis von Politik und Wissenschaft grundlegend verändert.

Wir deuten es als gutes Omen, dass wir - im 7. Jahr nach der erwähnten Krise - mit dem Aus- und Umbau des SFI beginnen. Im entstehenden psychoanalytischen Zentrum wird sich die schon bestehende Zusammenarbeit zwischen dem SFI, dem FPI, dem IKJP, dem FAPP (Frankfurter Arbeitskreis für Psychoanalytische Pädagogik) und dem jüdischen psychotherapeutischen Beratungszentrum weiter entwickeln. Dies ist eine hoffnungsvolle Perspektive für die kommenden 50 Jahre des Sigmund-Freud-Instituts.

Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber
Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl
 

Festakt

Festakt zum 50-jährigen Bestehen des Sigmund-Freud-Instituts am 24. April 2010
  

Vorträge

Horst-Eberhard Richter
Politische Psychoanalyse in Deutschland
15. Oktober 2009

Dieter Ohlmeier
Psychoanalyse der Generativität
15. April 2010


Universitäre Vortragsreihe
Wintersemester 2009/10 und Sommersemester 2010
Psychoanalytische Forschung
Projekte und Projektideen des Sigmund-Freud-Instituts

 

Tagungen

Denk ich an Deutschland … 1949 – 1989 – 2009
Psychoanalyse im Dialog: Zeitgemäßes über Psychoanalyse – 50 Jahre Sigmund-Freud-Institut
6./7. November 2009

Lange Schatten früher und später Traumatisierungen
100 Jahre Internationale Psychoanalytische Vereinigung, 50 Jahre Sigmund-Freud-Institut, 20 Jahre IPA Forschungskonferenzen
5.-7. März 2010

Die Zukunft der Gegenwart
Zeitdiagnostische Fragen psychoanalytischer Sozialpsychologie
7.-9. Mai 2010
 

Filmvorführung

Premiere
WENN ÄRZTE TÖTEN
mit Robert Jay Lifton
7. November 2009